HOME
MEINE SCHMALFILME
MEINE VIDEOFILME
FAMILIENCHRONIK
LEBEN IN CASTROP
LEBEN IN KALLENHARDT
LEBEN IN SUTTROP
LEBEN IN WARSTEIN
LEBEN IN WALTROP
JAHRGANG 1941
ELTERN
KRIEGSVERBRECHEN
MEINE 5 JOBS
WARSTEINER-EISENWERKE < 1.0
UNIBAU-BRILON < 2.0
KENNGOTT-HEILBRONN < 3.0
 KESTING-LÜNEN < 4.0
THYSSEN - PLETTAC < 5.0
BUNDESWEHR
SELLERISMUS
DAS INTERVIEW
KISSENKAMPER-GESPRÄCHE
KOMMANDOWAGEN
VERHAFTUNG
TAG DER "GOLDENE KNOLLE"
UNTERWEGS
FLIEGEREI
BENZIN IM BLUT
TANZSCHULE
VERMISST
AUGENBLICK MAL...
THOMAS  GODOJ
GÄSTEBUCH
LESERBRIEFE
 IMPRESSUM
Um unsere Tourneen auszudehnen, brauchen wir einen “Dienstwagen“. Durch gemeinsame Beteiligungen kaufen und finanzieren wir günstig einen gebrauchten Ford 12 M mit der berühmten Weltkugel. Doch wo parken? Privatautos sind in der Kaserne verboten. Versuchen wir es einfach mit der Bezeichnung ‚Dienstwagen’. Zwischen unserer Unterkunft und dem daneben liegendem Kompaniegebäude belegen wir die freie ungepflasterte Nische. Das ist zwar nicht erlaubt, und das Verbot sprechen der Spies und andere Vorgesetze regelmäßig aus. Wir nehmen uns auch öfter vor, Abhilfe zu schaffen, doch das Auto steht - und - bleibt einfach da. Gegenüber liegt die Kantine.  
Sellerie-Kommando-WagenIm Zeichen der Knolle
Jetzt, wo das Auto unerlaubt geduldet in der Kaserne parkt, wollen wir es auch hier nutzen. So lassen wir den Ford mit der Weltkugel morgens vor dem Kompaniegebäude auf den Antretplatz vorfahren. Am Steuer sitzt ein Knollenmann. Er reißt die Türen auf und vier Selleristen steigen ein. Wir fahren über den Antretplatz, biegen rechts auf die Kasernen-Hauptstraße, biegen kurz vor der Wache nach links und dann wieder nach links und halten unmittelbar vor dem Divisionsgebäude (Div-Gebäude). Der Knollenmann steigt aus, öffnet wieder die Türen und die Selleristen steigen unter Anwendung des “Äähhh-Gesetzes“ und den Worten „Weiter machen“ aus und gehen durch die Eingangstür des Div-Gebäudes zu ihren Arbeitsplätzen in diesem Haus.
Knollenmanns tägliche Dienstfahrt. Hin- und Rückfahrt
Die erste Fahrt ist Risiko, denn alle anderen - auch die Offiziere, Stabsoffiziere und der General - kommen zu Fuß. Es ist schon erstaunlich - wir bekommen kaum Widerspruch. So fahren wir ab sofort täglich. Übrigens: Der Knollenmann holt uns bei Dienstschluss auch wieder vor dem Div-Gebäude ab. Ab sofort heißt unser Dienstwagen “Sellerie-Kommando-Wagen“! Den kurzen Weg bis in die Kantine gehen wir allerdings zufuß.  

Kurz vor Ende ihres Wehrdienstes interessiert sich Feldwebel B. für den Wagen. Er will ihn kaufen. So möchten sich auch BigBenBu und Sellerie-Joe am Entlassungstag vom Spieß verabschieden. Doch der Kompaniefeldwebel ist ungehalten und gibt ihre Entlassung erst frei, wenn sie den Kommando-Wagen verkaufen. BigBenBu erklärt: „Wir haben ihn verkauft, an Oberfeld B.“ Der Spieß noch unfreundlicher: „Das hätten Sie wohl gerne, das geht ja gar nicht, Oberfeld B. ist zu einer Übung in der Senne! Kommen Sie wieder, wenn der Wagen veräußert ist!“ Es ist unglaublich, aber beide finden unter den Fernmeldern in der Kaserne tatsächlich sofort einen Käufer und stellen ihn dem Spieß bei der zweiten Verabschiedung vor.  

Übrigens: Gut, das das Vorhaben von Sellerie-Joe nicht geklappt hat. Nach einem ausgiebigen Kantinenbesuch wollte Joe eines Tages in der Dunkelheit aus der Ford 12 M Limousine ein Kabriolett fertigen. Glücklicherweise ist sein Nato-Dosenöffner nicht scharf genug, um das Autodach wie eine Konservendose zu öffnen und hochzuklappen.  

Fazit: “Sellerie-Kommando-Wagen“ - eine fast unglaubliche selleristische Erfolgsgeschichte!
Die selleristische Bewegung passt vielen Vorgesetzen und insbesondere dem Spieß nicht. Folgerichtig werden die Selleristen, insbesondere die Namen der Vier aus der Selleriebude, aufgrund ihrer diversen Auffälligkeiten vom Unteroffizier vom Dienst (UvD) fast täglich - manchmal sogar mehrmals - ins UvD-Buch geschrieben. Diese Berichte liest der Kompaniechef, der die entsprechenden Ahndungen festlegt.  

Die Selleristen möchten sich jedoch auch im dienstlichen Bereich nützlich zeigen und reichen folgenden Verbesserungsvorschlag ein: Da ihre Namen fast regelmäßig handschriftlich ins UvD-Buch geschrieben werden, erfordern diese Schreibarbeiten Zeit, die die Vorgesetzten durchaus nützlicher verwenden können. Um diese Schreibarbeiten zu vermeiden, sollten die Namen bei Neudruck des Meldebuches von vornherein fest eingedruckt werden. Sollte es wider Erwarten einmal vorkommen, dass die Selleristen unauffällig bleiben, könnten ihre Namen ausnahmsweise durchgestrichen werden. Dieses Verfahren ist einfacher und erspart kostbare Zeit. 
Die Verhaftung
Noch ist der o. a. Verbesserungsvorschlag jedoch nicht umgesetzt, so dass der Kompaniechef an einem Morgen Anfang Januar 1963 wieder die Namen von BigBenBu, Sellerie-Joe und Pommes hoch drei v.d.R im Buch liest. Der Kompaniechef ordnet Wachdienst an. Es ist also wieder eine der üblichen (Straf) Wachen. 

Während dieser Wache gibt es bis 21:59 Uhr nur ein besonderes Vorkommnis: Zum Wachdienst gehört auch die Bewachung der Gefangen in einem Nebentrakt des Wachlokales. In Einmannzellen sitzen hier Soldaten aus dem westfälischen Divisionsbereich ihre Freiheitsstrafen für geahndete soldatische Vergehen ab. 

An diesem Tag sind alle Zellen besetzt. Die Wachenfolgen sind im Wechsel wie folgt eingeteilt: Zwei Stunden Wachdienst, zwei Stunden Ruhezeit. Während dieser Ruhezeiten sitzen die wachhabenden Soldaten nachts im Gefangenenflur vor den geschlossenen Zellentüren auf Holzbänken und versuchen, sitzend zu schlafen. Das gefällt den Selleristen nicht. Kurz nach 19:00 Uhr öffnen sie drei Zellentüren und führen die Gefangenen gemeinsam in eine bereits belegte Zelle. So haben sie für sich während ihrer wachfreien Nachtzeiten drei Zellen mit je einer Pritsche frei. Das ist auch nicht angenehm, aber besser als die harte Holzbank. Der wachhabende Offizier bemerkt diese außergewöhnlichen Zellenbelegungen nicht. 

21:59 Uhr. BigBenBu und Sellerie-Joe gehen in der Dunkelheit zusammen Wache. Sie nähern sich dem Gebäude der 2. Fernmeldekompanie. Dann zeigen die Uhrzeiger 22:00 Uhr. Das heißt: Zapfenstreich oder für die Mannschaftsräume Licht aus und Ruhe.

Aus geöffneten Fenstern fällt jedoch nicht nur Licht, aus den Fenstern hören die Wachhabenden Gesprächsfetzen, Gelächter. Pfeifen und sogar hier und da Gesänge. Auch unten im UvD-Zimmer direkt rechts neben der Eingangstür scheint keine Ordnung zu herrschen. Nicht etwa, dass sich die beiden Selleristen durch diese Feststellungen gestört fühlen - ganz im Gegenteil - die Situation könnte nicht passender sein. 

Was jetzt folgt, ist nicht geplant. BigBenBu und Sellerie-Joe denken ohne sich abzusprechen übereinstimmend, das ist die  Gelegenheit, uns für die ‚scharfen Wachen’ der Soldaten dieser Kompanie - sie melden z. B. jeden Selleristen, der nachts zu spät durch das Kasernentor kommt - zu rächen. 

BigBenBu und Sellerie-Joe blicken nach oben zu den Fenstern im ersten und zweiten Stock und rufen abwechselnd sehr laut und deutlich: „Hier spricht die Wache! Sie da oben, halten Sie sofort Ruhe! Es ist nach 22:00 Uhr, Licht aus und Ruhe, verdammt noch mal!“ 

Die Hoffnung der Selleristen erfüllt sich. Statt Ruhe im Bau geht in fast allen Zimmern das Licht an und die Fenster werden geöffnet. Hinaus lehnen sich verdutze Soldaten und fragen verblüfft zurück: „Was ist los? Was habt Ihr gesagt? Was wollt Ihr? Wer seid Ihr überhaupt?“ BigBenBu ruft laut und deutlich zurück: „Hier spricht die Wache! Wir verbitten uns sofortige Ruhe im ganzen Bau!“ 

Immer mehr Lichter gehen an und immer mehr Fenster öffnen sich. Aus jedem Fenster dröhnt den Wachhabenden lautes Gezeter, Murren und Unverständnis entgegen. Jetzt schaltet sich Sellerie-Joe ein: „Sofort Ruhe! Hier ist die Wache!“ Während dieser Zeit öffnet sich die Eingangstür und der UvD und Gefreite vom Dienst (GvD) stehen im hell erleuchteten Türrahmen: „Was ist los? Was sollen wir?“ Weiter kommen sie nicht. BigBenBu hat inzwischen seine Taschenlampe gezückt, das rote Warnlicht eingeschaltet und fuchtelt mit dem Licht wild herum und ruft noch lauter als alle anderen: „Hier spricht die Wache! Wegen Vergehen gegen die Nachtruhe nehmen wir die ganze Kompanie fest! Jawohl, die ganze Kompanie ist verhaftet. Sofort alle in Trainingsanzügen und Kochgeschirr raus treten - und ab in die Turnhalle!“ 

Die Situation wird immer undurchsichtiger und scheint zu eskalieren. Offenbar hat der UvD in seiner Not den Offizier vom Kasernenbereich (OvK) angerufen und um Unterstützung gebeten, denn der OvK stürmt rasend um die Häuserecke auf die Wache zu: „Buschmann, Mertens, was ist hier los? Sind Sie verrückt geworden? Was machen Sie?“ „BigBenBu antwortet überzeugend: „Wir haben die ganze Kompanie verhaftet, weil --- !“ „Sind Sie wahnsinnig?“ entgegnet der mehr als wütende Offizier, „so etwas hat es noch nie gegeben! Ich setzte Sie sofort von der Wache ab. Das hat Folgen!“ 

Der OvK total in Rage weiter: „Und überhaupt - das ist noch nicht alles - da vorne am Kasernentor der Pawlas (Pommes v.d.R.) - jetzt ist er wieder weg - da - da ist er wieder! Wie der da herumläuft! Helm im Nacken! Gewehr wie der Förster vom Silberwald quer über die Schulter! Und Stechschritt - der geht im Stechschritt sogar bis zur Straße und wieder zurück zum Tor! Ich glaub` ich spinne! Das kann doch nicht wahr sein!“
Die Folgen
Was sagte der OvK? „Das hat ‚Folgen!“ Es ist richtig, dass Wachvergehen streng bestraft werden. Doch Selleristen und Wachvergehen? Sie berufen sich darauf, dass sie pflichtgemäß zu der vorgegebenen Zeit in der Fernmeldekompanie für Ruhe und Ordnung sorgen wollten. ‚Irgendwie’ kommen sie damit durch. ‚Irgendwie’ findet auch Pommes v.d.R. für seine Stechschritteinlagen eine nicht widerlegbare Begründung. Nur Sellerie-Joe erhält für das laufende Vierteljahr - es ist seine Reservistenzeit - offiziell Ausgangssperre. Warum? 

Nach dem Befehl des OvK muss der wachhabende (Unter) Offizier einen Bericht über die Vorkommnisse während der Wache schreiben. Dieser Bericht liegt morgens im UvD-Buch zur Vorlage beim Kompaniechef bereit. Der GvD - ein Knollenmann - informiert Sellerie-Joe über die umfangreichen schriftlichen Anschuldigungen. Joe lässt sich diesen Bericht verbotenerweise zeigen und streicht die vielen grammatischen- und Rechtsschreibfehler mit Rotstift an. Und diese Korrekturarbeit beschert dem Joe die lange Ausgangssperre. Streng genommen bedeutet sie, dass Sellerie-Joe die Kaserne erst wieder verlassen darf, wenn er wegen Beendigung des Grundwehrdienstes Ende März 1963 entlassen wird. Doch Joe kennt die Schlupflöcher durch die die Umzäunungen der Kaserne und nutzt im Übrigen die Zeit, um die Erlebnisse der Selleristen niederzuschreiben. Schriftstücke, die noch heute im Original vorliegen und die die Grundlage für die Berichte in dieser Homepage dienen. 

28.03.1963, 07:30 Uhr. Entlassungstag - auch für die Selleristen endet der Grundwehrdienst. Die Kompanie steht angetreten. Die Reservisten stehen daneben in Zivil. Der Spieß spricht Beförderungen zu Obergefreiten aus. Diese Zeremonie bleibt jedoch den Selleristen erspart. Sie werden als Gefreite entlassen. Doch kein Reservist verlässt die Kaserne. Warum? Im UvD-Zimmer sitzt Sellerie-Joe noch immer im Dienstanzug und hat GvD-Dienst. Auf dem Antretplatz demonstrieren die Reservisten immer lauter: „Wir verlassen nicht eher die Kaserne, bis der Sellerie-Joe keinen Dienst mehr hat!“ Nicht sofort - aber während dieser Rufe klingelt das Telefon im UvD-Zimmer. Sellerie-Joe nimmt den Hörer ab und vernimmt die aufgeregte Stimme vom Kompaniechef: „Mertens, sofort Dienst beenden und auskleiden und raus!“  
Auskleiden
BigBenBu und Sellerie-Joe stehen in der Standortbekleidungskammer und packen ihre Bekleidungssäcke aus. Während bei Joe der Mückenschleier und weitere Kleinigkeiten vermisst werden, fehlt bei BigBenBu neben diversen größeren Ausrüstungsgegenständen auch ein Stiefel. Voller Unverständnis raunt ihn der Zivilangestellte an: „Sauerei, sogar ein Stiefel fehlt. Das haben wir überhaupt noch nie erlebt!“ BigBenBu bleibt gelassen, sieht sein Gegenüber nachdenklich an und antwortet: „Ein Stiefel fehlt? Ach ja, jetzt erinnere ich mich, beim Einkleiden zwei Stiefel empfangen zu haben. Ist der zweite denn wirklich nicht da?“ Der Zivi wird noch ungehaltener. Daraufhin sagt BigBenBu: „Wir haben jetzt keine Zeit mehr, wir müssen zu den anderen zur Reservistenfeier. Ich komme aber in zwei Wochen wieder und bin bereit, bis dahin eine Kaution zu hinterlegen, wie hoch ist die?“ Darauf spielen sich in der Bekleidungskammer seitens der Zivilangestellten entrüstete Szenen ab. Fazit: BigBenBu und Sellerie-Joe bezahlen vom bereits empfangenen Entlassungsgeld die fehlenden Ausrüstungsgegenstände und sind froh, die Auskleidung hinter sich zu haben. 
Abschied vom Spieß
Schließlich melden sich BigBenBu und Sellerie-Joe beim Spieß und wollen sich abmelden. Was jetzt zunächst passiert, ist zum Ende des Berichtes über den Sellerie-Kommando-Wagen geschildert - siehe bitte dort. Irgendwann nach den dort geschilderten Szenen vernehmen sie die vorletzten Worte vom Spieß: „Buschmann, Mertens - geht - geht ganz schnell - nie wieder will ich solche Soldaten, wie Sie haben! Während Sellerie-Joe schweigt, antwortet BigBenBu sehr mitfühlend: „Aber, Herr Hauptfeld, waren wir denn nicht nette Soldaten?“ Spieß: „Raus!"         (Text und Fotos:  Günther Mertens)
Das Chaos beginnt am Mittwoch. Für nachmittags lautet der Kompaniebefehl‚ 14:00 Uhr Kompaniebelehrung, Antreten mit Stühlen auf dem Antretplatz’. Die allgemein benutzen Holzstühle haben die bekannten genormten Maße. Diese Stühle transportieren die Soldaten während ihres Marsches vom Antretplatz bis zum Eingang des Belehrungssaales in geschlossenen Dreier-Reihen mit nach oben gerichteten Stuhlbeinen und den Stuhl-Sitzflächen auf hren Köpfen.